Sehnsucht

Dies sind meine einstimmenden Gedanken vom 19. Febuar 2026.

Ein Gefühl, welches wir alle kennen. Wir spüren sie im Winter, wenn uns die ersten Sonnenstrahlen plötzlich an den kommenden Frühling erinnern; oder wenn wir in der Arbeit versinkend ein Verlangen haben nach Ferien oder Nichtstun; oder wenn wir uns in Abwesenheit nach unseren Partnern oder unserer Familie sehnen. Aber welche Bedeutung hat die Sehnsucht für unser Leben? Dies ist meine Frage für den heutigen Abend.

Hier meine einstimmenden Gedanken. Zuerst einmal: was ist denn die Sehnsucht?

Eine Sucht nach sehnen? Süchtig nach sehnen? Aber was ist sehnen? Auf Berndeutsch: «plange». Man kann etwas kaum erwarten, es kann nicht früh genug geschehen. Man hat lange gewartet, oder warten müssen, auf etwas, den richtigen Moment, vielleicht.

Sehnsucht ist verbunden mit Verlangen, oder einem Wunsch. So hat sie etwas mit der Liebe, dem Erōs zu tun—also mit der erotischen Liebe.

Aristophanes’ Mythos im Symposium von Platon: kennt ihr die Geschichte, wie die erotische Liebe angefangen hatte? Das hat sehr viel mit Sehnsucht zu tun, scheint mir.

Also, lasst mich erzählen: Einige Freunde treffen sich abends, um den Sieg von Agathon bei einem Theaterwettbewerb zu feiern. Nach dem Essen machen sie es sich gemütlich, und beschliessen, reihum Lobreden auf die Liebe zu halten. Alle kommen dran. Stellt euch die Herren, inklusive Sokrates, vor, wie sie da auf ihrer Couch liegen, etwas beschwipst schon, wenn Aristophanes, der berühmte Komödiendichter, mit einem Mythos anhebt:

Vor langer Zeit gab es drei Geschlechter. Mann, Frau, und etwas dazwischen, oder beides: Androgyn. Alle Leute hatten damals noch vier Beine, vier Arme, vier Ohren, und zwei Gesichter. Wenn sie rennen wollten, dann machten sie einfach das Rad. Das ging ganz gut, bis die Götter sich herausgefordert fühlten, und beschlossen, die Menschen zu halbieren, gerade so wie Birnen fürs Einmachen.

Apollon zog dann die Haut der Hälften zusammen und schuf damit den Bauchnabel, drehte die Gesichter nach vorne, damit die Halben Menschen sahen, dass sie halbe Portionen sind, und sich über ihr Aussehen schämen sollten. Gewarnt, wagten die Menschen natürlich nicht mehr, die Götter zu erzürnen, da sie sonst auf einem Bein hoppeln sollten.

Seither sind all Menschen bemüht, ihr Gegenstück wiederzufinden. Diese Sehnsucht nach Wiedervereinigung, nach einem Ganzen, ist der Ursprung der Liebe—erōs.

Erotische Liebe ist also der Wunsch nach Vollständigkeit, die Sehnsucht eine Hoffnung darauf. Es ist klar, dass diese Sehnsucht lustvoll ist. Vielleicht verzehrt einem die Lust. Ist es deshalb die Sehn-Sucht?

Nun: wir sind alle Philosophen. Wir lieben sie: die Weisheit. Sind wir deshalb nicht sehnsüchtig nach Weisheit? Wir wünschen sie uns, wir wollen sie: sie gehört zu uns.

Es gehören hier also zwei Dinge zusammen. Ein Verlangen, ein Begehren, das von innen heraus wirkt. Sie stösst uns in Richtung des ersehnten Objekts. Und dann die Weisheit, die uns von aussen anzieht. Oder eine Faszination ausübt.

Der Sucht-Aspekt der Sehnsucht. Der Erōs wird oftmals beschrieben als ein Zustand der «mania» und der «ekstasis», beides schöne griechische Wörter. Das erste, mania, bedeutet Verrücktheit, wir sagen es zu jemandem der spinnt. Das zweite, ekstasis, meint auch eine Ver-rücktheit, in dem Sinne, dass man aus dem Lot oder aus einem Ruhezustand, geworfen ist, und sich wie ein Rad mit einer Acht dreht. So wackelig, und nicht rund. Sind dies nicht Kennzeichen der Sehnsucht?

Und die mania überkommt uns, wenn wir nicht genug davon kriegen können. Aber wovon, eigentlich? Doch nicht von dem, nach dem wir Sehnsucht haben, denn sobald wir es haben, wollen wir es nicht mehr. Die Sehnsucht ist dann erloschen. [Nebenbei: das ist ein Gedanke von Schopenhauer.]

Und hier kommt noch etwas ins Spiel. Was wir begehren ist etwas das wir nicht, oder noch nicht, haben oder sind. Die Sehnsucht ist hiermit gekennzeichnet durch eine Abwesenheit: etwas das fehlt oder nicht präsent ist. Wir sind also durch ein Defizit motiviert. Uns fehlt, wofür wir Sehnsucht empfinden.

Wenn wir uns also nach etwas sehnen, dann hoffen wir auf etwas das wir noch nicht haben oder sind: uns verlangt nach einem Freund, vielleicht, oder wir möchten gern «cooler» sein oder witziger, oder was auch immer.

Schliesslich hat das wofür wir Sehnsucht haben, auch noch diesen Aspekt: wir wünschen uns etwas Wertvolles, etwas das Wert für uns haben kann, oder vermeintlich oder bestenfalls, haben wird. Es ist was uns lockt oder anzieht. Also wir wollen etwas, weil es Wert hat. Aber auch durch unser Wollen erfährt das Objekt einen Wertzuwachs. Es hat Wert, weil wir es wollen. Das ist eine Spannung, oder vielleicht auch ein Paradox: geht beides?

Stellt euch vor: ihr seid überladen mit Arbeit. Vielleicht kennt ihr dies. Alle wollen etwas von euch, die Zeit drängt. Ihr sehnt euch nach Ruhe, nach einer Auszeit. In eurer Fantasie wird diese immer wie wichtiger, und nimmt immer grösseren Raum ein in euren Gedanken. Nun ist dieses Sehnen dasjenige, das der Auszeit einen Wert verleiht. Sie hat Wert, weil ihr ein Verlangen nach ihr habt. An sich ist es bloss Zeit. Kann man Sehnsucht nach Zeit haben? Oder ist es vielleicht eher ein Verlangen danach, allein zu sein, oder die Zeit selber gestalten zu können?

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