Besonnenheit
Dies sind Gedanken zur Einführung meines Salons vom 4. September 2025, dem Anfang des zweiten Jahres. Er fand leider nicht statt.
Wie können wir diese alte Tugend wieder neu beleben? Oder auf den Mist mit ihr?
Ich muss euch leider enttäuschen: Besonnenheit hat nichts mit der Sonne zu tun, im Sinne von «besonnt» werden.
Das Wort stammt ab von «sich besinnen», was ja «nachdenken» oder «überlegen» bedeutet. Und «sinnieren» heisst ja (wenigstens auf Berndeutsch) «grübeln» und etwas «nachsinnen»—wenn man denn «tiefsinnig» ist wie ein Philosoph. Wenn wir besinnt oder besonnen sind, dann handeln wir bedacht, vielleicht gemächlich und langsam, und, eben, mit Überlegung. Das macht uns manchmal dann auch «gibelisinnig», oder «stifelisinnig»—und andere auch.
Die alten Griechen kannten die Besonnenheit als sōphrosunē, was eine spannende Zusammensetzung von σῶς sōs, und φρήν phrēn, ist. Der erste Teil, sōs, bedeutet ‘sicher’, ‘bestimmt’ oder ‘aufgehoben’, und phrēn bedeutet ‘Geist’, ‘Denken’, ‘Vernunft’, und ursprünglich auch ‘Herz’. Ein sō–phrōn ist also jemand mit sicherem Urteil oder gesundem Verstand (engl. of sound mind, sensible), oder jemand der klar denkt, und auch klar fühlt.
Besonnenheit ist eine der Tugenden, und damit eine Perfektion unseres Charakters. Nun, ganz knapp, ‘Tugend’ kommt von αρετή, aretē, und dies kommt von aristos, was der Superlativ von agathos ist. Agathos heisst «gut». Tugend ist demnach also ‘Bestheit’. Es meint etwas Unverbesserliches. Eine Leitidee bei den alten Griechen ist, dass Tugend eine notwendige und hinreichende Bedingung eines glücklichen Lebens sei.
In einem Dialog diskutieren Sokrates und seine Freunde die Besonnenheit als Ruhe, eine Art Bedachtsamkeit oder Behutsamkeit, und damit eine gewisse Zurückhaltung. Das ist richtig, denn besonnene Leute haben sich im Griff. Sie geben nicht nach, weder ihren eigenen Impulsen, noch fremdem Druck von aussen. Besonnenheit ist also so etwas wie Selbstkontrolle. Besonnene Leute bleiben bei sich, und lassen sich nur auf etwas ein, das sie geprüft, und als gut befunden haben.
Unbesonnene Leute handeln einfach impulsiv und unüberlegt aus dem Affekt heraus. Wer sich nicht genügend um eine nüchterne Einschätzung von Fakten bemüht und damit einen Mangel an Sorgfalt zeigt, handelt leichtsinnig.
Besonnenheit könnte man also als eine Tugend des guten Handelns verstehen. Denn wir orientieren uns ja an den Fakten, oder bestenfalls an der Wahrheit. Besonnene Leute bemühen sich darum, die Fakten zu kennen, sie zusammenzutragen, sich ein Bild zu machen, welches dann ihre Taten informiert. Das gibt uns Sicherheit, und damit gute Entscheidungen.
Heutzutage sind aber viele Sachverhalte nicht mehr wirklich durchschaubar. Denkt bloss an die «Alternativen Fakten» oder die «Fake News». Und so können wir nicht alles behutsam abwägen, auch wenn wir dies wollen oder wünschen. Wir können noch so besonnen sein, um die Wahrheit bemüht. Aber ist es gibt eine Lösung für dieses Problem: uns einfach darauf zurückbesinnen auf das, was wir im Griff haben können—nämlich uns selbst! Und dazu gehört nicht nur richtiges Denken, sondern auch angemessene Gefühle. Wenn etwas verdorben riecht, dann ist es wohl verdorben. Wenn uns etwas kurios vorkommt, dann sollten wir die Finger davon lassen. Das ist Besonnenheit «in action», sozusagen gelebt.
Zum Gefühl gehört meiner Ansicht nach auch Mitgefühl für andere Leute. Wieso? Weil ich denke, zu einem guten Handeln gehört Rücksicht und Takt, und beides bezieht die Anderen mit ein. Besonnen handeln heisst doch, dass ich erfolgreich etwas Bestimmtes erreichen will—deshalb überprüfe ich die Sachlage und auch meine Kompetenzen. Und eben auch die Sicht derjenigen Leute, die von meiner Handlung betroffen sind, oder sein könnten. Zur Besonnenheit gehört also auch die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel. Damit ist Besonnenheit also vielleicht auch als politische Tugend, wichtig fürs Zusammenleben in einer Gemeinschaft. Zu den Facetten dieser Tugend gehören also ich, mein Erleben und meine Fähigkeiten, welche ich kennen muss, und realistisch einschätze; und dann auch die Welt, in der Form von Fakten; und dann eben auch die soziale Umgebung.
Es ist die Tugend, wie uns Aristoteles erinnert, der Mässigung, des Mass-Haltens, der realistischen und angemessenen Einschätzung. Allerdings versteht er das vor allem eingeschränkt auf die Gelüste, den Genuss. Hier ist ein Beispiel: stell dir vor, dir würde ein Glas Wein angeboten, oder ein Stück Schokoladentorte. Du hast nun die Wahl: zusagen oder ablehnen. Also überprüfst du deinen Alkoholpegel und deine Heimreise, oder deinen Kalorienzustand, und auch den Wein (ob es ein Fusel ist), und ebenso die Torte (ob die frisch ist), und dann auch die Offerierenden (ob die etwas von dir wollen), usw. Das ist Besonnenheit in der gelebten Handlung. Einfach «nein» sagen ist Abstinenz. Das ist nicht besonnen. Und einfach masslos drauflos trinken und konsumieren ist auch nicht besonnen.
Das ist natürlich ein kleines Beispiel. Anders, aber nicht wesentlich anders, sehen bedeutsame Entscheidungen aus. Im Gegenteil zum Leichtsinn ist sie ein Wissen darüber, was wir in einer Situation wählen und vermeiden sollen, und was nicht. Mit anderen Worten, es ist eine Tugend, in welcher sich ein Verständnis von Werten zeigt. Und da Werte unser tägliches Zusammenleben mitgestalten, und wir um diese Werte wissen müssen, ist die Besonnenheit aus unserem Leben kaum wegzudenken.
Nein: sie gehört nicht auf den Mist.
Piero del Pollaiolo (1441–1496). https://www.uffizi.it/opere/temperanza-piero-pollaiolo