Regieren
Im Staat wird regiert. Aber auch wir regieren uns selbst—oder etwa nicht?
Regieren hat eine interessante Wortgeschichte. Es stammt aus dem Lateinischen, wo regere «geraderichten» bedeutet. Stellt euch vor! Regieren hat also irgendetwas mit «zurechtbiegen» zu tun. So als wären wir krumm oder knorrig, irgendwie nicht richtig. Das klingt ja durchaus auch bei regula an: der Richtschnur oder dem Lineal. Distanzen abmessen und so.
Regere bedeutet aber auch lenken und herrschen: also das, was Regieren in einem Staat gemeinhin meint. Die Kantonsregierung. Oder der Regierungsrat, d.h. die Exekutive. Diejenigen also, welche die Richtschnur zum Abmessen benutzen. Und uns in unserer Freiheit einschränken mit Gesetzen, Verordnungen und Regeln.
Insofern hat Regieren auch mit Macht zu tun. Macht kann verstanden werden als die Wahrscheinlichkeit, dass ich in einer sozialen Situation meinen Willen gegen Widerstand durchsetzen kann. (Das ist Max Weber’s Bestimmung.) Ich bin also mächtig, wenn ich jemanden dazu bringen kann, etwas zu tun, was er oder sie gar nicht will. Vielleicht geht meine Macht ja soweit, dass der oder die andere etwas tut, das gegen seine eigene Interessen verstößt. Und vielleicht kann ich die Situation so gestalten, dass der oder die andere verhindert ist, etwas gegen mich zu unternehmen. Im Sinne von: Widerstand ist zwecklos.
Genau so hat auch Michel Foucault die Macht gesehen, als etwas das das soziale Gewebe durchdringt, dem alle ausgesetzt sind: entweder ausübend oder erleidend. So übt zum Beispiel der bescheidene gelbe Strich auf der Straße Macht über die aus, die dort parkieren wollten. Und so übt zum Beispiel ein Haus Macht aus, wo die Tür bestimmt, wo man hineinkommt. Das Treppenhaus oder der Lift lenkt uns dann zu dem Stock wo das relevante Büro ist. (Ihr kennt ja Mani Matters Lied von dem, der vom Amt aufgeboten wurde.) Manchmal kann man sich in einem Gebäude wirklich kaum zurechtfinden. Und manchmal ist dies auch so geplant…
Wie auch immer: der Staat ist mächtig. Er ist ja organisiert. Er kann uns kontrollieren und beobachten. Zum Beispiel legt er auch Normen fest, welche Individuen zu erfüllen haben—neun Jahre Schulpflicht und Examen, Parkverbote und Geschwindigkeitsbegrenzungen, Ampeln und Zebrastreifen, Etiketten wie »der Verbrecher« und »der Irre«, welche zu »Fällen« gestempelt werden. Wir helfen mit, dieses Machtgefüge an der Arbeit zu halten, indem wir uns fügen.
Nun, kann man dies nicht auch auf Individuen anwenden? Wir üben doch auch Macht über uns selbst aus: wir halten uns im Zaun, oder wir zügeln uns. Wir beherrschen uns. Wir regulieren unsere Emotionen und wie wir reagieren. Wir halten uns an Regeln. Wir schränken uns ein.
Weshalb? Vielleicht, damit wir unter dem Radar fliegen können? Oder vielleicht, um mit anderen auszukommen?
Kant hat dies deutlich gesehen. Das größte Problem für den Menschen sei es, ein Gemeinwesen zu gründen, wo die Freiheit für mich kompatibel ist mit der Freiheit für alle. Das heißt, dass uns in unserer Freiheit Schranken gesetzt werden. Es braucht jemanden, vielleicht einen Herrscher, oder doch jedenfalls ein Gesetz oder eine Verfassung, dem wir gehorchen müssen, damit jeder frei sein kann. Dies ist schwierig, vielleicht unmöglich, weil jeder auf seine Freiheit aus ist, und sich nicht wirklich um die der anderen schert. Alle wollen sich ein bisschen mehr als andere ergattern. Und dann sagt er: »aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden.« (Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, Sechster Satz.)
Sind wir wirklich aus krummem Holz gemacht? Knorrig wohl schon, aber das ist ja auch schön. Denn wenn wir wollen, dann können wir in einem Gemeinwesen zusammenleben: tolerant, selbstbeschränkt, gemässigt, und leise. Wir können uns selbst regieren, wenn man uns lässt.
NB. Ich habe Platons seltsame Idee erwähnt: dass der Staat und unsere Seele ähnlich organisiert sind. Es ist eher wie eine Metapher, die er im »Staat« entwickelt. Zum Beispiel hat es im Staat drei Klassen (Herrschende, Wachende, Produzenten), und in der Seele drei Teile (Vernunft,Wille, Begierde), die jeweils ihre unterschiedlichen Kapazitäten haben.