Gerechtigkeit

Mit folgender Einführung begann unser Salon vom 15. Januar 2026.

»Das isch nid fair!«

Worüber sind wir eigentlich erbost, wenn wir uns über Ungerechtigkeit beklagen? Etwa, dass wir das Nachsehen haben? Wir fühlen uns übergangen oder übersehen, vielleicht. Jemand anderes wurde bevorzugt behandelt. Und dies unverdient? Das finden wir störend, nicht wahr.

Aber was ist gerecht—etwa, dass alle dasselbe bekommen? Oder dass man ehrlich ist und offen; nichts verheimlicht? Aber ihr habt sicher schon einmal gelogen, mit einer Notlüge, vielleicht, oder einer Lüge, die niemandem wehtat: eine sogenannte „white lie“ auf Englisch. Obschon wahrscheinlich alle wussten, dass ihr flunkert.

Oder einfach: der Stärkere bestimmt, was gerecht ist? Diese letzte Vision von Gerechtigkeit finden wir in Platon’s Dialog vom Staat. Dort lässt er einen Sophisten von der Leine, und der sagt, Gerechtigkeit sei nichts anderes als das Interesse des Stärkeren. Wenn Sokrates im Gespräch erschrickt und nachfragt, was er denn meine, verfeinert er seine These. Gerechtigkeit sei gut für die Regierenden, die an der Macht sind, und insofern tun diejenigen, die etwas Gerechtes tun, was vorteilhaft für jemand anderes ist. Nicht ein Vorteil für sich selbst, nämlich, die etwas Gerechtes tun, sondern für andere, d.h. die Mächtigen. Potz tausend, denkt Sokrates, was hats denn dem in den Weizen geschneit? Der Sophist führt weiter aus, dass die Regierten einfach nur tun, was im Interesse der Regierenden ist, weil diese mächtiger sind.

Kommt euch dies nicht bekannt vor? »Die dört obe mache eh was si wei!« oder auch, »Die z’Bärn mache sowieso was si wei!« Die kleinen Leute bemühen sich gerecht zu sein, und die Starken, die das Sagen haben, kümmern sich nur um ihren eigenen Vorteil. Letzthin hat ein englischer Minister die Heizung für seinen Pferdestall als parlamentarische Spesen deklariert. Das ist kein Scherz. Es ist zynisch, nicht wahr.

Aber es kommt schon einmal etwas zu Tage: Gerechtigkeit ist etwas relationales: es findet zwischen Menschen statt. Alleine kann ich nicht, muss ich nicht, gerecht sein.

Zurück zum Sophisten. Die kleinen Leute sind halt auch einfache Gemüte, meint er, weil sie mit gerechten Taten die Ungerechten glücklich machen. Eh ja: sie müssen ja gerecht sein, um der Strafe der Stärkeren zu entgehen.

Aber wieso denkt er, die Stärkeren seien ungerecht? Weil sie bloss auf ihren Vorteil bedacht sind. Und dies ist in seinen Augen gut. Er denkt: wenn man die Starken nicht hindert, gut für sich zu schauen, und mehr zu haben als alle anderen, dann ist dies gut so. Damit ist die Kompetition angeheizt. Er geht soweit, dass er die Ungerechtigkeit als Tugend vertritt. Und damit jagt es dem Sokrates den Nuggi raus.

Aber der Sophist deutet hiermit auch an, er verstehe schon, dass er provoziert; indem er nämlich vom Ungerechten redet, gibt er uns zu verstehen, dass er durchaus weiss, was Gerechtes sei. Vielleicht.

Denn wenn die Ungerechten geschickt sind, dann verstecken sie ihren Antrieb, und tun so, als ob sie nicht ihre eigenen, sondern gemeinschaftliche oder geteilte Vorteile im Auge haben.

Und hier kommt etwas Zweites zum Vorschein: Gerecht sein hat etwas mit verteilen und mit Fairness zu tun. Die Starken müssen gebremst oder eingeschränkt werden, damit für alle anderen etwas übrig bleibt. Die Regierenden müssen erkennen, dass sie zum Wohle der Regierten handeln sollten, oder auch müssen. Das ist nebenbei gesagt eine der Kernaussagen im Staat von Platon.

Fairness, also. Was heisst das denn? Das alle dasselbe oder gleich viel erhalten? Kaum. Denkt bloss an körperliche und geistige Behinderungen. Also geht es um eine Verteilung von Resourcen, welche gerecht ist. Aber wir wollen doch herausarbeiten, was gerecht ist, und somit können wir diesen Begriff nicht hier hineinschmuggeln; wir müssen ihn zu klären versuchen.

Vielleicht so: Marx hat einmal gesagt, dass Resourcen verteilt werden könnten, so dass alle das oder soviel bekommen, was oder wieviel sie nötig haben um ihre Bedürfnisse zu decken. Umgekehrt sollen alle beitragen, was sie aufgrund ihrer Fähigkeiten bieten können. Und da alle unsere Fähigkeiten verschieden sind, so sind es auch unsere Beiträge. Ebenfalls verschieden sind unsere Bedürfnisse, und somit das, was wir beanspruchen.

Nun, wie könnten wir dies weiter ausloten? Nach welchem Prinzip könnten wir eine gerechtere oder eine »fairere« oder ausgeglichenere Gesellschaft schaffen? Rawls, ein amerikanischer Philosoph, hat einmal ein Gedankenexperiment vorgeschlagen. Stellt euch vor, ihr wüsstet nicht, in welche Stadt ihr geboren wurdet, welche Sprache ihr sprecht, ob ihr behindert seid, wie reich ihr seid, welches Geschlecht ihr habt, und welche Hautfarbe, und so weiter. Ihr seid also weitgehend ignorant darüber, wer ihr eigentlich seid.

Und vor diesem Hintergrund schlägt er dann vor, dass wir aufgrund unserer Ignoranz ein Prinzip der Gerechtigkeit wählen, nach dem jede Person ein gleiches Recht auf grundlegende Freiheiten hat, welches kompatibel mit dem Recht aller anderen ist. Es gibt keine Unterschiede im Bezug auf dieses Prinzip.

Aber als zweites Prinzip erachtet Rawls, dass ökonomische und soziale Ungleichheiten so arrangiert werden, z. B. mit Gesetzen oder Steuern, dass die am meisten Benachteiligten am meisten bevorteilt werden. Das heisst, hier findet ein Ausgleich der Ungleichheiten statt.

Nun denkt ihr vielleicht: typisch Liberaler. Ja, aber ist denn der Neokonservativismus fairer? Sowenig Staat wie möglich. Soll halt jeder für sich schauen. Und zusehen wo er/sie bleibt. Sozialer Darwinismus, und so.

Oder ist die Meritokratie besser? Ist eine Verteilung gerecht, die diejenigen bevorteilt, die es verdient haben? Aber was heisst »verdient« hier? Ist es gerecht, dafür belohnt zu werden, dass man schneller, gescheiter, oder reicher ist? Das ist doch einfach nur ein glücklicher Zufall, aber kein Verdienst, das belohnt zu werden könnte. Zudem fördert eine Meritokratie die Aufteilung der Gesellschaft in Gewinner und Verlierer. Die Verlierer sind dann nämlich diejenigen, welche kein wertvolles Talent besitzen. Die Gewinner sind die, welche irgendetwas haben, dass momentan grad wertvoll scheint. Und diese Ungleichheit der Chancen ist, so denke ich, nicht wirklich gerecht.

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