Bedauern

Mit diesen Gedanken begann unser Salon vom 10. Dezember 2025.

Was bedeutet es, irgendetwas zu bereuen oder zu beklagen, und wie wichtig ist dies für uns?

Aufs Jahresende gibt es sicher das eine oder das andere, das wir bedauern: sei es, weil wir etwas Erwünschtes nicht erreicht haben; sei es, weil wir den Versuch nicht wagten; oder sei es, weil uns etwas dazwischen gekommen ist. Oft geht uns dies nahe. Es bekümmert uns, wir grämen uns. Dieser Salon geht der Frage nach, was es für uns bedeutet, irgendetwas zu bereuen oder zu beklagen und wie wichtig dies für uns ist.

Vermutlich haben wir alle etwas das wir bereuen oder bedauren. Wollen wir einmal schauen: wer hat etwas das er bereut? Oder: bedauert? Wer kann von sich sagen, «Ich bereue nichts?» Oder: bedaure nichts? [Zeit lassen.]

Nun, ich muss euch enttäuschen: ihr seid noch nicht weise und tugendhaft. Wieso nicht? Weil ein vollkommen guter Mensch nichts bereut. Weshalb nicht? Weil er keine Fehler gemacht hat, und somit keinen Grund hat, etwas zu bereuen oder zu bedauern. Wir haben diese Gründe haben, und somit machen die meisten von uns Fehler. Deshalb sind wir auch nicht vollkommen gut. Und wer nie Fehler macht, nun, der lebt nicht wirklich.

Gibt es einen Unterschied zwischen bereuen und bedauern? Ich denke schon. Das wohl dramatischste Beispiel finden wir bei Agamemnon, der ja, wie ihr vielleicht wisst, seine eigene Tochter Iphigenie geopfert hat. Er war in einer Zwickmühle: der fehlende Wind, der das ganze griechische Heer nach Troja blasen sollte, ein öffentlicher Aufruf des Priesters zur Opfergabe an die Götter, der Druck auf Agamemnon als Chef der Griechen. Kurzum, noch bevor er zum Messer griff, bereute er sein Schicksal zutiefst (mit lamentösem Selbstmitleid). Zum Glück ging die Opferung schief. Aber ich frage mich: ist es wirklich möglich, eine zukünftige Tat zu bereuen? Bereuen wir nicht vielmehr im Rückblick?

Oder ist hier nicht viel eher Bedauern im Spiel? Agamemnon bedauert, dass er seine Tochter umbringen muss, um die Götter milde zu stimmen und den Wind zu bringen—das Schicksal der ganzen versammelten Armee liegt in seiner Hand. Das ist schon bedauerlich, nicht wahr?

Hier ist anderes Beispiel. Ich bereue, dass ich nicht früher mit dem Studium der Philosophie begonnen habe. Ich wäre versucht gewesen, gerade nach dem Seminar mit dem Studium anzufangen. Das hätte ich durchaus machen können, aber ich tat es nicht. Es lag in meiner Kontrolle, oder in meinem Willen. Oder eben, es lag an meinem mangelnden oder schwachen Willen. Nicht an der Gelegenheit. Aber es gab Gründe dagegen. Insbesondere meine damalige Freundin riet mir ab, weil ich dann noch «weltfremder» werden würde. Ich liess mich davon überzeugen, und jahrelang verstand ich mich als zur «Weltfremdheit» geneigt. Das wurde Teil meines Selbstverständnisses. Aber wenn ich mich nun daran erinnere, wurmt es mich schon: pfeifendeckel: weltfremd?! Ich?! Meine Freundin hat dies sicherlich nicht böse gemeint; sie wollte mich irgendwie beschützen, oder bewahren. Nein: ich gebe mir selbst die Schuld daran.

Aber wenn ich mir das so richtig überlege, dann bereue ich eigentlich nichts, jedenfalls nicht, dass ich nicht früher mit dem Philosopie Studium begonnen habe. Ich habe ja unterdessen Philosophie studiert. Es ist ja durchaus gut gekommen. Ich bin mit mir zufrieden. Mir scheint vielmehr, ich sei einfach bei allem etwas spät. Auch Vater bin ich auch relativ spät geworden. Ich verpasse bei Vielem den fruchtbaren Moment, den kairos. Ist dies nicht eher, was ich bereue?

Oder ist dies nicht viel eher ein Bedauern? Ich bedaure meinen Entschluss, nicht früher mit dem Studium der Philosophie begonnen zu haben. Ich bedaure die Tatsache, bei vielem zu spät zu kommen. Da liegt glaube ich, der Unterschied zwischen Bereuen und Bedauern: wir bedauren Dinge, die nicht unbedingt von uns anhängen, oder mit uns nichts, oder nicht viel, zu tun haben, oder Dinge, für die wir nicht verantwortlich waren. Und somit unschuldig. Wenn wir etwas bedauren, dann zeigen wir Betroffenheit, vielleicht Entsetzen, oder mindestens anerkennen wir das Leiden und den Schmerz von anderen mir unbekannten Leuten. Wir lassen uns berühren. Und fühlen mit.

Beim Bereuen ist dies anders. Dies hat unmittelbar mit uns zu tun, mit etwas das wir getan haben, oder auch unterlassen haben zu tun. Dies hat mit Schmerz zu tun, den wir uns selbst zugefügt haben, oder jemandem anderen. Bereuen ist ein verurteilendes Gefühl. Und dies ist unser allein.

Ein anderes Beispiel, ein Gedankenexperiment etwas näher an der Welt, gewissermassen. Stellt euch einen Autofahrer vor, dem ein Kind vor den Wagen rennt. Ich bin nicht sicher, wie das Gedankenexperiment weitergehen soll: ist das Kind verletzt oder tot? Und was macht dies mit dem Fahrer? Ist dies ein Fall von Reue, oder Bedauern? Bedauern scheint mir zu schwach zu sein. Aber ist Reue angemessen?

Ein zweites Bespiel: stellt euch vor, ihr haut im Affekt jemanden. In der Wut, ohne Absicht. Ich meine, ihr bereut dies sofort. Ihr denkt vielleicht: «So kenne ich mich doch gar nicht! Was ist bloss in mich gefahren?» Und ihr anerkennt eure Schuld. Es ist als ob Reue so schmerzhaft ist, dass wir darüber unsere Wut vergessen, und zur Besinnung kommen. Es ist so, als ob wir in der schmerzvollen Reue die Gerechtigkeit spüren; als spürten wir, dass wir eine Grenze überschritten haben. Dies tut uns leid, und ich denke, das Opfer spürt, ob die Reue echt ist. (Dies sind Gedanken von Aristoteles.)

Noch einmal, wir bereuen im Rückblick. Damals, als wir taten was wir heute bereuen, schien uns dies gut zu sein. Aber jetzt nicht mehr. Wir haben uns verändert, und würden heute, wenn wir könnten, anders handeln. Wir hatten nicht die Einstellung, die Informationen, die wir heute haben. Aber da wir ja nichts ungeschehen machen können, bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere frühere Tat heute zu bereuen.

Oder auch nicht? Ihr kennt das berühmte Chanson von Edith Piaf: «Non, rien de rein. Non, je ne regrette rien.» Im Lied hat es eine Passage, die so lautet: «Avec mes souvenirs / J’ai allumé le feu / Mes chagrins, mes plaisirs / Je n’ai plus besoin d’eux». Sie verbrennt ihre erinnerten Sorgen und Vergnügen, weil sie diese, wie sie sagt, «nicht mehr nötig hat». Nötig haben? Wofür? Im Lied, so scheint mir, möchte sie diese Belastungen abwerfen, weil sie sich frisch verliebt hat. Sie will ihre Sorgen loswerden, um neu zu beginnen. Aber dies erklärt nicht, weshalb sie diese «chagrins et plaisirs» nicht mehr nötig hat.

Hier ist eine Vermutung: Bereuen und Bedauern dient dazu, um moralisch zu wachsen als Person, um in uns einen Sinn für das Gerechte oder Richtige zu wecken und zu fördern. Diese moralischen Gefühle, zusammen auch mit der Scham und der Schuld, sind enorm wichtig für unser Zusammenleben. Reue und Bedauren sind also sozial, und zielen ab auf andere: Reue für das, was wir anderen zufügen; Bedauern, was uns andere zufügen, oder was sie anderen zufügen.

So, dies ist meine Einleitung. Ihr seht, ich bin euch nur eine Nasenlänge voraus. Bei vielem unsicher und zögernd. Nun zu unserer Diskussion. Falls jemand von euch beginnen möchte: nur zu. Sonst beginne ich mit einer Frage: Was ist für euch ein Unterschied zwischen Bereuen und Bedauern?

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