Dies ist meine Einführung zum Salon vom 28. Oktober 2026:
Wir tanzen auf dünnem Eis. Angesichts der vielen Bedrohungen, welche wir ertragen (müssen), kommt uns da nicht die Lebensfreude abhanden?
Lebensfreude: Freude am Leben. Macht es uns Spass zu leben? Manchmal schon, aber manchmal auch nicht.
Wenn wir an eine Sitzung gehen müssen, welche uns stinkt aber wir nicht vermeiden können; wenn wir eine lästige Operation über uns ergehen lassen müssen; oder wenn wir uns langweilen und einfach keine Lust haben etwas anzupacken; oder wenn wir unter der Hitze leiden und uns Sorgen über das Klima quälen.
Spass am Leben ist also nicht dasselbe wie Lebensfreude.
Hier ein anderer Versuch: Lebensfreude ist Glück. Wenn wir glücklich sind, dann haben wir Freude am Leben.
Aber ist es mit dem Glück nicht oft so, dass es einem zufällt? Ist es nicht eher so wie ein Zufall, wofür wir nicht wirklich etwas tun können? Denn vermutlich haben die Schicksalsgöttinnen (die Moiren) etwas damit zu tun. Diese drei bestimmen unser Leben: was uns geschieht, wie lange es dauert, und wann es zu Ende geht. Die können bestimmen, ob jemand Glück oder Pech hat: wenn man Schwein gehabt hat, oder eben nicht.
Aber ist dies nicht zu pessimistisch? Vielleicht können wir ja trotzdem etwas für unser Glück tun.
Tätig sein ist der Schlüssel hier. Ich schlage vor, Glück sei ein Verb: ich »glücke«, du »glückst«, wir »glücken« usw. Es ist also nicht Glück haben, sondern Glück tun. Es ist unsere Aktivität, und damit unsere Verantwortung.
Die bahnbrechende Revolte in der Antike war die Loslösung vom Griff der Moiren: nicht sie bestimmen über unser Schicksal, sondern wir selbst (oder doch größtenteils). Es hängt von uns ab, ob wir glücklich sind.
Und das heißt: ich muss etwas dafür tun, damit es mir zufällt. Wir müssen uns um uns kümmern: um unseren Leib und seine Gesundheit, aber auch um unsere seelische Befindlichkeit.
Um es mit Kant zu sagen: es liegt an uns, dass wir des Glückes würdig werden (Grundlegung 4.393).
Mit den Schicksalsgöttinnen habe ich die Antike ins Spiel gebracht. Damals war ein zentraler Begriff der Lebensfreude Eudaimonia. Wörtlich genommen, heißt eudaimonia so etwas wie Echte Göttlichkeit. Dies ist nicht ganz befriedigend. Die Vorsilbe eu ist ein Ausdruck von Größe oder, wie eben gesagt, Echtheit, auch Leichtigkeit, dann auch Fülle oder Vollkommenheit. (Es gibt Dutzende von griechischen Wörtern mit dieser Vorsilbe. Und auch heute heißt eucharistō Danke.)
Und daimon meint einen Geist oder einen Dämon, was auch nicht stimmig ist, da dies ja durchaus negativ besetzt ist (Teufel).
Nun, was heisst eudaimonia? Wir meinen damit jemanden, der*die echt aufgestellt (und wohlbehütet von der Göttern), scheinbar leichtfüßig durchs Leben geht.
Wir könnten deshalb sagen, ein solches Leben sei eines das gelingt, oder gut läuft für die Person, die dann auch eins mit sich ist, im Lot.
Vom Stoiker Zenon haben wir diese schöne Charakterisierung: Eudaimonia ist ein guter Fluss des Lebens (εὐδαιμονία δ᾽ἐστὶν εὔροια βίου, Stobäus, SVF 3.16, LS 63A). Wenn unser Leben einfach gut fließt, dann sind wir glücklich.
Auch Aristoteles hat etwas Ähnliches gesagt: Glück ist Lust an ungehinderter tugendhafter Aktivität (NE 1.8 1099b26). Wenn wir etwas tun, das uns freut, ja, sogar Spass oder Lust macht, und das auch gut und wertvoll ist, dann geht es uns gut. Deshalb denke ich, Glück sei so etwas wie Wohlergehen.
Wie hängt dies nun mit Lebensfreude zusammen? Es ist offensichtlich. Wohlergehen verstanden als lustvolle tugendhafte Aktivität ist in unserer Hand: wenn wir unsere Handlungen bewusst auswählen, unseren Charakter (ἤθος) formen und uns gute Handlungsmuster angewöhnen, und diese dann auch praktizieren und pflegen (ἐπιμέλεια).
Wohlergehen oder Glück ist diese bestmögliche seelische Aktivität. Und dies ist mit Lust und Freude verbunden, weil es uns Spaß macht zu glücklichen. Es macht uns Freude, etwas zu tun oder zu machen, das uns gut tut. Es fühlt sich gut an, Gutes zu tun, auch für andere. Es fühlt sich toll an, sein Bestes zu geben, und dabei freut uns oft die Tätigkeit selbst, nicht das Resultat oder der Erfolg.
Kurzum, aktiv und denkend, fühlen wir uns lebendig. Deshalb leben wir gerne. Deshalb freuen wir uns am Lebendigsein. Wir empfinden Freude (und wohl auch Lust) am guten Funktionieren: eines welches frei ist von Schmerz, Scham und Reue; das befreit ist, gelöst auch und entspannt, und ungehindert—gut fließend.
Mit einem Wort von Epikur, einem Nachfolger von Aristoteles: ataraxia (ἁταραξία), die Seelenruhe, oder wörtlich »Unverkrampftheit«. Nach Epikur ist die Abwesenheit von Schmerz der höchste Genuss. Lebensfreude stellt sich also ein, wenn wir schmerzfrei im Lot sind, zufrieden mit uns und der Welt, wenn wir einfach keinen Grund zum Klagen oder Nörgeln finden können.